1 - Beim Hauptmann




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1 - Beim Hauptmann

Beitragvon Alex » 18. Jan 2011, 22:49

1. Beim Hauptmann

1. Analysieren und interpretieren Sie die vorliegende Szene.
2. Nehmen Sie begründet Stellung zu der folgenden Deutung des Dramas. Beziehen Sie dabei ihre Ergebnisse aus Aufgabe 1) sowie ihr Hintergrundwissen zum gesamten Drama, zu Büchner und zur Epoche mit ein.

1.
In Georg Büchners 1837 entstandenem dem Vormärz zuzuordnenden Dramenfragment „Woyzeck“, das der Autor aufgrund seines frühen Todes nicht vollendete, wird erstmals in der Literaturgeschichte ein Mitglied der sozialen Unterschicht zur tragischen Hauptperson. Auf wahren Ereignissen basierend zeigt Büchners Werk nämlich am Beispiel des einfachen hessischen Soldaten Franz Woyzeck das Ausmaß der zu Beginn des 19. Jahrhunderts vorherrschenden Gewaltstrukturen, die in der Lage sind, einen Menschen zu deformieren und zum Äußersten zu treiben.

Dem vorliegenden Dialog, der relativ zu Anfang des Dramas stattfindet, sind Szenen vorausgegangen, in denen man einige wichtige Personen kennen gelernt sowie erfahren hat, dass Woyzeck, um der Mutter seines unehelichen Kindes Unterhalt zahlen zu können, verschiedenartigen Nebentätigkeiten nachgeht.

Eine dieser Tätigkeiten ist auch das Rasieren seines Hauptmanns, das den Hintergrund des Dialogs Bildet. Woyzecks Vorgesetzter philosophiert auf dümmliche Art und Weise über die Zeit und beklagt die kontinuierliche Gehetztheit des Soldaten sowie dessen mangelnde Moral. Woyzeck wiederum reagiert auf diese Vorwürfe, indem er die Natur als für arme Leute ausschlaggebendes Handlungsmotiv auffasst sowie dem Hauptmann den Zusammenhang zwischen der finanziellen Situation eines Menschen und dessen Tugend erläutert.
Besonders auffällig an diesem Gespräch ist die starke Diskrepanz zwischen Form und Inhalt des Gesagten: Während der Hauptmann zwar in der Lage ist, sich grammatikalisch korrekt und durch passendes Vokabular auszudrücken (zum Beispiel Z.9-14), dabei jedoch nur leere, unbedeutende Aussagen trifft, analysiert Woyzeck die eigene Situation mit wesentlich größerer Intuition, wenngleich er seine Gedanken nicht problemlos zu artikulieren vermag (Z.36,49).
Vor allem zu Beginn des anfangs sehr einseitigen Dialogs, in dem der untergebene Woyzeck auf die Ausführungen des Hauptmanns lediglich einsilbig reagiert (Z.8,15), wird die Ignoranz jenes Mannes gegenüber den Lebensbedingungen der im Vergleich zu ihm Unterprivilegierten deutlich. Während der Hauptmann das Leben nur als große Langeweile zu betrachten scheint (Z.5ff) und dieser durch möglichst langsam und ausgedehnte Erledigung aller täglichen Pflichten entgegenzuwirken versucht, bleibt in Woyzecks Tagesablauf aufgrund seiner zahlreichen Nebentätigkeiten keine Zeit für Müßiggang. Woyzecks soziale Situation zwingt ihn zur Hetze. Der Hauptmann jedoch missinterpretiert die Ruhelosigkeit seines Untergebenen als Zeichen für ein schlechtes „Gewissen“ (Z.17), als dessen Ursache er wiederum Woyzecks immoralisches Verhalten betrachtet (Z.26ff): Dieser habe ja schließlich ein uneheliches Kind (ebd.).
Woyzecks Antwort auf diesen Vorwurf ist aus zweierlei Gründen interessant: Einerseits beweist er durch das Zitat seine Bibelkenntnis sowie auch seine Fähigkeit, biblische Geschichten zu verstehen, richtig einzuordnen und in anderen Zusammenhängen anzuwenden. Andererseits ist er, solange er über seinen Sohn spricht, scheinbar im Stande, zusammenhängende, hypotaktische Sätze korrekt zu formulieren.
Den Hauptmann verwirrt Woyzecks Antwort (Z.34f). Statt jedoch über sie sowie auch über Woyzecks weitere Ausführungen tatsächlich nachzudenken, übergeht er sie schlicht, nimmt sie vermutlich nur als Hirngespinste eines „abscheulich dumm[en]“ (Z.24f) Menschen wahr, welcher noch dazu „zu viel denk[e]“ (Z.52f).
Woyzeck aber setzt seine Erklärungen unbeirrt fort. „Man hat auch sein Fleisch und Blut“ (Z.36f), argumentiert er und stellt somit die Natur als einen, vor allem für die „gemeinen Leut“ (Z. 48) der Moral übergeordneten, Antrieb zum Handeln dar. Die eigene ausweglose Situation und Benachteiligung hat Woyzeck erkannt und bringt sie bildlich zum Ausdruck: „Wenn wir in den Himmel kämen, so müssten wir donnern helfen“ (Z.38f). Die Unterprivilegierung bestimmter Gesellschaftsgruppen setze sich demnach auch noch nach dem Tode fort.
Als der Hauptmann dem von Woyzeck eingeführten Naturbegriff nun die seiner Meinung nach bedeutendere Tugend gegenüberstellt, konkretisiert der Soldat seinen Gedanken: Wohlstand sei eine Voraussetzung für Tugendhaftigkeit, welche unter den armen Menschen daher kaum verbreitet sei (Z.48ff). „Es muss was Schönes sein um die Tugend“, gesteht Woyzeck ein, „Aber ich bin ein armer Kerl.“ (Z.50f).
Die Beziehung zwischen dem Hauptmann und Woyzeck charakterisiert vor allem der höhere Dienstgrad des Letzteren. Sich seiner geistigen Überlegenheit vollkommen sicher, verspottet dieser den Soldaten aufgrund dessen angeblicher Dummheit (Z.24f), urteilt über Woyzecks Charakter und spricht seiner eigenen Person selbstgerecht große Tugendhaftigkeit zu (Z.45f).
Auch die Sprache spiegelt diese Hierarchie wider: Während Woyzeck nur im Ton eines Soldaten antwortet („ja wohl“ Z.6,15), spricht ihn der Hauptmann in der dritten Person Singular an (z.B. 3ff) und drückt im Imperativ Aufforderungen aus (zum Beispiel Z.7). Durch häufige Wiederholungen (zum Beispiel Z.3f,5f) und Tautologien (Z.26,34) kommt einerseits die Sinnentleertheit seiner Ausführungen zum Ausdruck, andererseits versucht er vermutlich, sprachlich auf Woyzecks geistiges Niveau Rücksicht zu nehmen und sich besonders einprägsam auszudrücken.
Als er über die Zeit philosophiert, erhalten die gehäuft auftretenden Wiederholungen jedoch außerdem die Funktion, die Ewigkeit auch sprachlich darzustellen oder sogar auf die anhaltende Drehung des „Mühlrads“ (Z.14) hinzuweisen („ewig (…) ewig (…) ewig“, Z.10).

2.
Wenngleich die Aussage, Mord sei eine „Tat der Liebe“ im ersten Augenblick sehr seltsam erscheint, so ist Mays Ausdeutung des Dramas doch begründet. Woyzeck selbst betont schließlich das Natürliche in jedem Menschen, das sich eben in seiner Emotionalität von der während der Aufklärung so stark propagierten Vernunft abhebt.
Eine Welt, in der diese unbedingte Emotionalität fehlt, betrachtet Max als „verrottet“ und „lieblos“. Doch genau in einer solchen Welt scheint er seiner Ansicht nach zu leben und kritisiert damit im 20. Jahrhundert die menschliche Gesinnung auf ähnliche Weise wie seiner Zeit Büchner, der „in der Menschennatur eine entsetzliche Gleichheit“ feststellte.
Eine Ausnahme dazu jedoch stelle Woyzeck dar, dessen Handeln sich einzig und bedingungslos an seinen Gefühlen orientiere, dessen „Freveltat“, wie gesagt, eine „Tat der Liebe“ sei.
Dieser Aussage kann ich zustimmen, versteht man unter „Tat der Liebe“ eine Handlung, als deren persönlicher Beweggrund die eigene Liebe zu einem anderen Menschen fungiert. Denn Woyzecks Mord an Marie mit dem Motiv der Eifersucht erfüllt dieses Kriterium ohne Zweifel.
Auf keinen Fall ist es jedoch eine „Tat der Liebe“, fasst man diesen Begriff als Handlung auf, der die Liebe als großes Ideal und allgemeiner Maßstab zu Grunde liegt. Denn der Tod eines anderen Menschen ist mit solchen Betrachtungen schlicht unvereinbar.
Hier liegt einer der Kritikpunkte, die ich an Mays Deutung üben muss: Wenn auch Emotionalität und Ungekünsteltheit im Allgemeinen als durchaus positiv zu betrachten sind, so sollte man ebenfalls ihre negativen Seiten erkennen, die einem hier in Form des Mordes deutlich vor Augen geführt werden. Max idealisiert Woyzecks Tat jedoch, stellt von der Vernunft losgelöstes Handeln als geradezu erstrebenswert dar.
Darüber hinaus verkennt er die Multikausalität der Tat Woyzecks. Ausschlaggebend für diese war zwar zweifellos die Eifersucht, also Liebe; gleichzeitig jedoch dürfen auch Faktoren wie Woyzecks nicht vorhandene Anerkennung durch seine Mitmenschen nicht vernachlässigt werden. Allein durch die Liebe wäre es zu einem Mord wohl nicht gekommen.
Alex
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